Gymnasium Fränkische Schweiz Ebermannstadt
 HOME  |  SITEMAP  |  IMPRESSUM  |  DATENSCHUTZ  |  KONTAKT
   
 
Die Zeitwerkstatt im Bamberger Stadtarchiv

"Hoffentlich zerreiße ich es nicht!" Die Schülerin hält mit etwas zitternden Finger, die in weißen Schutzhandschuhen stecken, das kleine Pergamentstück aus dem Jahr 1390 in die Kamera. Schwer ist die Urkunde, weil daran noch einige Siegel aus rotbraunem Wachs baumeln. Mit Mühe erkennen wir ein Kreuz darauf, welches Horst Gehringer, der Leiter des Stadtarchivs, für uns als Sankt Georgs-Kreuz identifiziert. Den Inhalt der Urkunde, geschrieben in einer uralten, krakeligen Schrift, die wir nicht entziffern können, liest uns Herr Gehringer mühelos vor. Es handelt sich um ein festgeschriebenes Wegerecht, welches dem Besitzer eine Durchfahrt durch ein fremdes Grundstück gewährt. Das Pergament ist vergilbt und fleckig, teilweise schon etwas porös. Es mit bloßen Händen anfassen zu wollen, bliebe für die Urkunde nicht folgenlos, zumal an unseren Fingern immer ein wenig Talg klebt oder Bakterien hängen, auch wenn man sie noch so gründlich gewaschen hat. Vorsichtig halten wir mit unseren weiß behandschuhten Fingern das Schriftstück. Jeder darf es einmal in die Hand nehmen; Herr Gehringer vertraut uns "Anfänger-Forschern". Fasziniert, aber auch etwas erleichtert, dass es nicht beschädigt wurde, atmen wir auf, als das Pergament heil wieder in seine Schachtel wandert. Wir, das ist der Kurs "In der Zeitwerkstatt", bestehend aus 12 Schülerinnen und Schülern, den es seit September an unserer Schule gibt, sowie unseren beiden Lehrerinnen. Der Besuch des Stadtarchivs in Bamberg ist der Auftakt einer besonderen Projektreihe, die wir für den weiteren Verlauf des Schuljahres geplant haben. Neben der Forschung werden wir auch praktisch arbeiten. Mehr wird jetzt noch nicht verraten. Das Ziel unserer Forschungen für den 6. November 2019 steht jedenfalls in Bamberg in der Unteren Sandstraße. Bis in die achtziger Jahre wurden in dem ehemaligen Krankenhaus noch Babys geboren und Beinbrüche operiert. Der historische Bau stammt aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, der das vom Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal im 18. Jahrhundert gegründete "Spital" ergänzte. Nun finden wir im dortigen Stadtarchiv eine Fülle von schriftlichen Quellen. Dazu gehören Urkunden, Briefe, alte Baupläne, aber auch Plakate und Fotos, die aus Bamberg und der Umgebung stammen. Es sind Millionen von Schriftstücken, unter anderem der Bestand des bekannten Fotografen Emil Bauer; Allein sein Nachlass besteht aus 380 000 Fotos. Diese müssen, wie all die anderen Archivstücke auch, besonders verwahrt werden. Um zu sehen, wo und wie das geschieht, betreten wir einen Nebenraum des Magazins, zu welchem man als Besucher nur ausnahmsweise Zutritt hat. Der abgedunkelte Raum riecht unangenehm nach Essigsäure, wie uns Horst Gehringer aufklärt. Heute, im Zeitalter der digitalen Fotografie, werden die Fotos freilich nicht mehr mit aggressiven Substanzen behandelt. Die Bilder und Schriften dürfen hohen Temperaturen nicht ausgesetzt sein; etwa 15 Grad Celsius im Durchschnitt. Dicke Türen und Wände schützen die Kostbarkeiten vor extremer Wärme und Feuer. Nach einiger Zeit frösteln wir, daher geht es nun in die die Buchwerkstatt, in der alte Schriftstücke mit viel Fingerspitzengefühl von einer Restauratorin "zusammengeflickt" werden. Weiter betreten wird das Profi-Fotostudio und stellen fest, dass so ein Archiv gar nicht so langweilig ist, wie man vielleicht glauben mag. Der eine oder andere von uns könnte sich sogar vorstellen, dort zu arbeiten. Es gibt dort nicht nur Altes und Verborgenes sondern auch ganz Aktuelles. So finden regelmäßig im Archiv Ausstellungen, auch von Schülern initiiert, statt.

Selbstverständlich kann jeder von uns Einsicht etwa in alte Nachlässe im Stadtarchiv bekommen. Man kann sich informieren über Persönlichkeiten aus Bamberg oder wichtige Personen, die sich dort aufgehalten oder auch die Stadt nur kurz besucht haben. Jedoch nur zu nachweislich wissenschaftlichen Zwecken bekommt man eine Originalurkunde ausgehändigt. Der gesamte Bestand des Archivs ist auch in digitaler Form vorhanden, weiht uns Horst Gehringer in seinen Archivalltag ein. Man sucht wie üblich unter einem Stichwort oder unter einem bestimmten Datum und erhält eine Fülle von Zeitungsartikeln, Fotos, Briefe über Personen oder Sachverhalte. Kein Besucher ist also gezwungen mit weißen Handschuhen in alten, muffigen Akten zu wühlen.

Vollgefüllt mit Informationen und mit dem Wissen heute etwas ganz Besonderes gesehen und erfahren zu haben, bedanken wir uns bei Horst Gehringer, dem Leiter des Bamberger Stadtarchivs für seine geduldige Offenheit, mit der er uns auf hohem Niveau in die Geheimnisse des Archiv geführt hat und versprechen ihm, schon bald wiederzukommen.

Fotos/Artikel: Kurs "In der Zeitwerkstatt"
Ros/Kes

 


 
Top! Top!